Die Hollandgänger

 

 

Die Hollandgänger verdingten sich als Saisonarbeiter in den benachbarten Niederlanden - vor allem als Grasmäher, Torfstecher und Landarbeiter. Sie nutzten die etwa zehn Wochen der landwirtschaftlich stillen Zeit zwischen Saat und Ernte, um einen Nebenverdienst zu erwirtschaften.

In dem ersten Beitrag zur Chronik des Recker Heimatvereins berichtet Louis Stüve 1922 an dem Beispiel seines Espeler Hofnachbarn Heinrich Tegeder (1840 - 1931) authentisch über die Hollandgänger, die ihren Lebensunterhalt für sich und ihren Familien durch Torfstechen oder Grasmähen verdienten:

„Von Recke aus zogen in den sechziger und siebenziger Jahren im Frühjahr etwa 50 – 70 Mann hinaus. Ihr Gepäck wurde mittels Fuhrwerk bis an die Grenze befördert. Der Weg führte über Halverde, Schale, Freren, Lingen, Nordhorn.


In Thuine wurde zu Mittag gespeist und zwar aus dem mitgenommenen Knappsack. Dazu wurde Kaffee bestellt. Das erste Massenquartier wurde in Lohne oder Nordhorn bezogen. In Uelsen (bei Neuenhaus) wurde das zweite Mittagsmahl eingenommen und an der Grenze, auf der sog. Venebrücke, übernachtet.

Am dritten Tage fuhren wir dann mittels Kahn, der von einem Pferde gezogen wurde, durch den Kanal „Dedemsfahrt“ nach Hasselt. Dort wurde wieder übernachtet.

Dann ging es endlich am vierten Tage per Dampfschiff – Raddampfer – über den Zuidersse nach Amsterdam. Von dort war das Torfmoor ungefähr eine Stunde entfern, die Amsterdamer Glocken waren noch hörbar...“

Zur Arbeitssituation schreibt Louis Stüve weiter: „Die Arbeit der Torfbagger begann mit Tagesanbruch, wie ein Spruch sagte: „Sünn’ in’t Land, Bügel in de Hand!“

Der Bügel, mit einer Netzvorrichtung versehen, war das Gerät, mit welchem die Torfmasse aus der bis zwei Meter tiefen Kuhle heraufgeholt wurde. Um sechs Uhr wurde Feierabend gemacht.

Damals galt die Hollandgängerei als Ehrensache. Selbst Bauernsöhne mussten wenigstens einmal nach Holland gewesen sein, sonst wurden sie nicht für vollwertig angesehen.

Die Arbeit dauerte drei Monate. Gegen Ende Juni erfolgte die Rückreise. Dann aber fühlten sich die Hollandgänger, denn sie hatten durchweg 25 – 30 Taler im Beutel. Das war ein Kapital, und sich stolz in die Brust werfend, sagten sie dann wohl: „So, nu laut der Buer men kuomen, nu kann he sin Pacht krigen.“

In einem ergänzenden Text berichtet Louis Stüve: „Nicht immer wurden die Torfbagger sich mit ihrem Arbeitgeber über den zu zahlenden Lohn sofort einig. Bisweilen musste erst der Mahnruf ‚Hollendie’ die Arbeiter auffordern, noch nicht mit der Arbeit zu beginnen. Damit der Ruf weithin vernehmbar wurde, bediente man sich eines Holzschuhes, und rief ‚Hollen’ hinein. Dumpf erklang der Ruf. Erst nach erzielter Einigkeit wurde die Arbeit in Angriff genommen. Die meisten Grasmäher kamen aus dem Lippischen und dem Amte Diepholz Doch auch aus dem Kreise Tecklenburg gingen einige als Grasmäher nach Holland. Sehr tüchtige und geschickte Mäher erhielten den Posten als ‚För’ oder ‚Frutmeier’. Ein solcher Frutmeier, so wird erzählt, hat einmal von seiner Frau, die scheinbar im Briefschreiben wenig bewandert war, einen Brief erhalten, der also adressiert war: ‚An Jan, minen Mann, Frutmeier in Holland, achter in de Binster’.

 

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